Drucken

Über 100 Jahre Johannes-Gutenberg-Schule – über 100 Jahre Partner in der Medienausbildung

Ausbildung für grafische Berufe

Eine Druckform

Wenn auch die Schule erst im Dezember 1972 ihren heutigen Namen erhielt, so gehen ihre Anfänge bis auf das Jahr 1903 zurück, wobei die Schulgründung vor allem durch die Bemühungen des »Vereins der Stuttgarter Buchdruckereibesitzer« ermöglicht wurde. Auf den folgenden Seiten nehmen wir Sie auf eine Reise über die Geschichte der jgs mit.

1903–1912 Gründungszeit und Anfänge
1913–1922 Der 1. Weltkreig und seine Folgen
1923–1932 Die Weimarer Zeit
1933–1942 Nationalsozialismus 2. Weltkrieg
1943–1952 Kriegsende und erste Nachkriegjahre
1953–1962 Wirtschaftswunderjahre
1963–1972 Raumnot und Provisorien
1973–1982 Planung und Bezug des Neubaus
1983–1992 Digitale Revolution und Medienboom
Seit 1993 Neuordnung der Medienberufe

 

1903–1913

1853 gründet Ferdinand Steinbeis die Städtische Gewerbeschule. Auf freiwilliger Basis ist es nun in Stuttgart vielen Angehörigen gewerblich-technischer Berufe möglich, ihre Lehrlinge statt in die allgemeine Sonntagsschule auf die Städtische Gewerbeschule in der Torstraße 8 (nähe Tagblattturm) zu schicken.

1902 werden für die 132 Auszubildenden der ersten drei Lehrjahre der Setzer und Buchdrucker eigene Fachklassen eingerichtet. Die Lehre betrug damals vier Jahre! In sechs Wochenstunden erhalten die Auszubildenden Unterricht in Deutsch, Gewerbliches Rechnen, Bürgerkunde, Buchführung, Zeichnen und zusätzlich für Setzer noch Latein. Aus heutiger Sicht erstaunlich: Schulpflichtig sind nur die Lehrlinge aus den »tariftreuen«, das heißt im Arbeitgeberverband organisierten Buchdruckereien.

Die fehlende Praxisausbildung mündet bei den Stuttgarter Berufsvertretern des grafischen Gewerbes rasch in dem Bemühen, eine eigene Ausbildungsstätte zu errichten: Am 4. Oktober 1903 wird die Fachschule für das Buchdruckgewerbe als »praktischer Teil« der Gewerbeschule mit einem feierlichen Akt eröffnet.

Das traditionell selbstbewusste grafische Gewerbe, das in Stuttgart zur Jahrhundertwende über 2000 Angestellte zählt, schafft sich damit vor nahezu allen anderen gewerblichen Berufen einen berufsspezifischen Ausbildungsort. Fachschulgründungen in Leipzig (1865), Berlin (1875), Dresden und Wien (beide 1888) waren vorangegangen und dienten als Beispiel.

Die Fachschule besteht zunächst aus zwei Werkstatträumen im Tiefparterre der Senefelderstraße 45, einem ehemaligen Staatsgefängnis. Wo zwei Jahre zuvor noch Schwerverbrecher stumpfsinniger Arbeit nachgingen, erhalten jetzt Setzer- und Druckerlehrlinge des dritten und vierten Ausbildungsjahres an zwei Abenden in der Woche verbindlichen Praxisunterricht.

1906 wird das »Württembergische Gewerbe- und Handelsschulgesetz« verkündet. Es bestimmt die Schaffung von Gewerbeschulen mit dreijähriger Schulpflicht und führt den Tagesunterricht mit hauptamtlichen, besonders vorgebildeten Lehrkräften und eigenen Schul- und Werkstatträumen ein. Ab 1909 sind auch Lehrlinge aus nicht tarifgebundenen Betrieben berufsschulpflichtig, allerdings gilt dies nur für den Theorieunterricht.

Auch nach 1909 bleibt es zunächst dabei, dass nur das dritte und vierte Lehrjahr Praxisunterricht erhalten: Die Schüler sind in je zwei Drucker- und Setzerklassen gegliedert, sie erhalten Gruppenunterricht mit höchstens 12 bis 13 Schülern und werden von insgesamt acht nebenamtlichen Fachlehrern betreut.

1911 ziehen die grafischen mit anderen gewerblichen Berufen in ein neues Schulgebäude in der Weimarstraße, die heutige Robert-Mayer-Schule, wo große und helle Unterrichtsräume zur Verfügung stehen, erstmals alle mit fließend Wasser. Hier werden für die ersten drei Ausbildungsjahre im Tagesunterricht jeweils acht Stunden Fachtheorie und Allgemeinbildung erteilt.

↑Top  

 

1913–1922

1914 beginnt für Europa und die Welt ein dunkles Kapitel. Am 1. August ruft der Deutsche Kaiser die allgemeine Mobilmachung aus. Durch Einberufung einiger Lehrer zum Kriegsdienst an die Front oder in Felddruckereien, muss der Unterricht an allen Stuttgarter Schulen bald gekürzt werden. Die neue Gewerbeschule an der Weimarstraße wird Militärlazarett. Grafische Klassen werden zurück an die Torstraße und an die Technische Hochschule verlegt.

Auch die Fachschule für das Buchdruckgewerbe mit ihren Lehrwerkstätten für den praktischen Unterricht wird ausgelagert, denn die Druckereiräume werden beschlagnahmt und wieder zu einem Gefängnis hergerichtet, diesmal für Kriegsgefangene. In der Tübinger Straße 77a findet man bald neue Räume.

1915 übernimmt die Fachschule für das Buchdruckgewerbe neue Aufgaben: Als Verwundetenschule gibt sie allen im Krieg verletzten Buchdruckern Württembergs die Gelegenheit, ihre Behinderung durch praktische Übungen überwinden zu lernen.

1918 ist zwar der Krieg vorüber und die Stuttgarter Schulen nehmen die Arbeit wieder mit Schwung auf, doch die Folgen des Krieges lasten schwer auf der Wirtschaft.

1921 macht sich die wirtschaftliche Notlage an der Fachschule für das Buchdruckgewerbe so stark bemerkbar, dass im Winter 1921/22 Unterrichtsausfall wegen Kohlenmangel zu verzeichnen ist. Die Typograph-Setzmaschine muss an eine Druckerei abgegeben werden, so dass auch dieser Unterricht für längere Zeit ausfällt.

↑Top

 

1923–1932

1923 erreicht die Nachkriegsdepression der Wirtschaft ihren Höhepunkt. Die galoppierende Inflation der jungen Weimarer Republik bringt die Fachschule für das Buchdruckgewerbe so stark in Bedrängnis, dass ab Juli 1923 der Unterricht ausgesetzt wird. Erst nach der Währungsreform wird ab Februar 1924 nach und nach wieder der Schulbetrieb aufgenommen.

1925 beschließt die Stadtverwaltung mit Zustimmung der Vertreter der Industrie die Zusammenlegung der Städtischen Gewerbeschule mit der Fachschule für das Buchdruckgewerbe zu einer umfassenden Fachschule für alle grafischen Berufe. Am 8. April 1926 schließt die Fachschule des Buchdruckereibesitzervereins. Die Lehrer, allesamt nebenamtlich tätig, werden entlassen. Alle technischen Einrichtungen gehen an die Städtische Gewerbeschule, die im Hoppenlau einen Neubau bezieht.

1926 wird nach zweijähriger Bauzeit am 16. Juni die neue Gewerbeschule Im Hoppenlau ihrer Bestimmung übergeben. Neben den grafischen Berufen, der zahlenmäßig stärksten Abteilung, finden Bekleidungs- und Nahrungsmittelberufe sowie Gärtner in dem an der Ecke Rosenberg- und Seidenstraße errichteten Neubau ihren Platz.

Für den Theorieunterricht stehen helle große Lehrsäle zur Verfügung. Die Werkstätten des »Vereins der Stuttgarter Buchdruckereibesitzer« werden Eigentum der Stadt Stuttgart und mit den bestehenden verschmolzen. Mit namhaften Spenden des Gewerbes und seiner Gönner sowie großen finanziellen Zugeständnissen seitens Stadt und Staat werden die Werkstätten erheblich erweitert. Es gibt nun eigene Werkstätten für Satz, Maschinensatz (Typograph und Linotype), Stereotypie, Photographie, Steindruck, Offsetdruck, eine Buchbinderei und einen großen Zeichensaal.

Erstmals sind auch hauptamtlich angestellte Fachleute Werkstattlehrer. Zum gesetzlich vorgeschriebenen achtstündigen Theorieunterricht setzt sich ein vierstündiger Werkstattunterricht während der ganzen Lehrzeit durch, so dass bis in die 70er Jahre hinein im Schnitt 1,5 Schultage als Tagesunterricht pro Woche anfallen.

↑Top

 

1933–1942

Die Veränderungen kommen schnell und sind einschneidend. Unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung erfolgt die Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft. Auch die Vielfalt der grafischen Gewerkschaften wird zunächst gleichgeschaltet und später in die »Deutsche Arbeitsfront« integriert.

1935 trifft es auch den »Deutschen Buchdrucker-Verein«, der gegen seinen Willen in die »Deutschen Einheitsfront« eingebunden wird. (Andererseits nehmen die jungen Menschen mit Begeisterung die Verkürzung der Lehrzeit auf drei Jahre und verbindliche Urlaubsregelungen von mindestens sechs und höchstens zwölf Tagen auf.)

1935 erhält die grafische Abteilung der Gewerbeschule im Hoppenlau auf Druck der regionalen Berufsverbände einen eigenen Schulleiter.

1937 werden die grafischen Berufe im Hoppenlau von den anderen im Hause beheimateten Berufsgruppen Bekleidung, Nahrung und Gartenbau unabhängig. Die Lehrlinge der Fotografie werden der grafischen Abteilung zugeordnet.

1938 erhält die Schule den Namen Gewerbliche Berufsschule für das Graphische Gewerbe. Im Vorkriegsjahr zählt man 1100 Schüler an der Schule.

Wie die Zeit des Nationalsozialismus den Alltag der Gewerbeschule im Hoppenlau veränderte, ist heute nicht mehr exakt nachzuvollziehen. Die Lehrer müssen für sich und ihre Ehefrauen Ariernachweise erbringen. Das unter den Schülern und Lehrern Juden waren, ist sicher anzunehmen, aber nicht dokumentiert. Wann und unter welchen Umständen sie die Schule verlassen mussten entzieht sich unserer Kenntnis.

Am 1. September 1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus. Die Auswirkungen des Krieges sind schnell zu spüren: 1940 bereits darf das Schulgebäude aus Luftschutzgründen nicht mehr belegt werden. Der Theorieunterricht findet an der Jobstschule statt, nur der Werkstattunterricht verbleibt an der Hoppenlauschule, da für kleine Werkstattgruppen genügend Luftschutzplätze vorhanden sind.

1941 erhält die Gewerbliche Berufsschule für das Graphische Gewerbe die offizielle Anerkennung als Meisterschule. Außer einer Urkunde ergeben sich daraus in der gegebenen Situation für die Hoppenlauschule keinerlei Vorteile.

Im Winter 1941/42 folgt an fast allen Fronten die Wende im Krieg. Immer häufiger sind vor allem Luftangriffe auf deutsche Städte. Auch an der Gewerblichen Berufsschule für das Graphische Gewerbe entstehen immer wieder Schäden an Fenstern und Türen, die von Lehrern und Schülern behoben werden müssen.

↑Top

 

1943–1952

1944 verzeichnet die Schule ab März erhebliche Schäden am Dach, an Fenster und Türen. Am 25./26. Juli, vor allem aber bei dem die ganze Stadt Stuttgart zerstörenden Großangriff am 12./13. September erleidet die Schule schwerste Bombenschäden. Der Hauptbau brennt vollständig aus, ebenso die obersten Stockwerke des Verwaltungsflügels. Was nicht abbrennt trägt schwerste Luftdruckschäden davon: Dach, Fenster und Türen sind nicht mehr vorhanden. Der Unterricht kann nicht mehr stattfinden.

1945 endet der Krieg mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Die meisten Großstädte sind Schutthalden, durch die entwurzelte Menschen irren.

Gewerbeschulrat Held übernimmt die Schulleitung. Die heimkommenden Lehrer sichern die Ruine vor weiterem Verfall und Dieben, indem Sie Fenster zumauern und ein Notdach zimmern. Die wenigen intakten Maschinen gehen an die ausgebombte Industrie. Ende des Jahres suspendieren die amerikanischen Besatzer alle Lehrer vom Dienst, um deren NS-Vergangenheit zu überprüfen.

1946 und 1947 führen die unablässigen Bemühungen vom amtierenden Schulleiter Held zur Wiedereinstellung einiger Kollegen. In der ebenfalls beschädigten Raitelsberg-Volksschule bekommt man einige Räume zugewiesen und beginnt dort am 1. Mai 1947 mit dem Unterricht. Die ersten Kurse, für die sich viele Kriegsheimkehrer und Heimatvertriebene melden, beginnen unter enormem Raum-, Material- und Lehrermangel. »Die Schulsäle werden kümmerlich provisorisch ausgestattet, die beschädigten Fenster müssen von den Lehrern und Schülern mit Pappe und Papier abgedichtet werden, mit Notöfen - Rohre durchs Fenster ins Freie geführt - wird geheizt.«

1948/49 werden im freigeräumten Kellergeschoss der Raitelsbergschule mit der Hilfe örtlicher Industrieller beschädigte Buchdruckmaschinen aufgestellt und wieder gangbar gemacht. In einem der Räume richtet man auch eine Buchbinderwerkstatt ein.

1948 werden auch das Dach und einige Räume der Schule im Hoppenlau saniert. Die Schule muss noch von zwei Seiten betreten werden, da sich mittendurch ein Bombentrichter durch das Schulgebäude zieht.

Am 1. März 1949 beschließt der Stuttgarter Gemeinderat auf Antrag der grafischen Industrie, das Hoppenlau-Schulgebäude ausschließlich den grafischen Berufen zur Verfügung zu stellen. Der Verband der grafischen Betriebe Nordwürttembergs richtet einen Solidaritätsfond für die Schule ein, in den alle Mitgliedsbetriebe drei Jahre lang 1 DM pro Monat und Beschäftigten einzahlen müssen.

Am 19. Oktober 1949 ist der Rohbau abgeschlossen. Am Ausbau der Lehrsäle und der Werkstätten arbeiten die Lehrer mit den Gewerbevertretern und dem Hochbauamt zusammen, um neueste technische Erfordernisse und methodische Erkenntnisse zu berücksichtigen.

Ab 1950 wird das Gebäude im Hoppenlau nach und nach bezogen. Die Zwischenlösung Raitelsberg-Volksschule wird aufgegeben.

Erst 1952 ist der Hauptbau der Gewerblichen Berufsschule für das Graphische Gewerbe im Hoppenlau weitgehend fertiggestellt.

↑Top

 

1953–1962

1953 feiert die grafische Berufsschule ihr 50 jähriges Bestehen! Sie hat wieder 1059 Schüler, erreicht somit fast ihr Vorkriegsniveau und stößt in den nächsten Jahren langsam an ihre Kapazitätsgrenze. Nach den überarbeiteten Lehrplänen der Nachkriegsjahre erhalten die Schüler wieder acht Stunden pro Woche theoretischen Unterricht und zwei Stunden Werkstattunterricht. Im wesentlichen kommen die Schüler aus dem Großraum Stuttgart und sind in 44 Klassen aufgeteilt.

Zeitgleich mit dem Jubiläumsjahr, am 27. April 1953, beginnen die ersten 50 Studenten ihr Vollstudium an der neu eingerichteten Höheren Fachschule. Nach zwei Semestern ist die Teilnahme an der Meisterprüfung möglich und nach vier Semestern stellen sich die Studierenden einer Abschlussprüfung und erlangen das Diplom.

Mitte der 50er Jahre wird die Grafische Zeichenklasse, seither als Halbjahrskurs der Berufsvorbereitung dienend, mit einem völlig neuen pädagogischen Konzept versehen. Sie erhält den Status einer Berufsfachschule für Zeichnen und angewandte Grafik. Die Schüler können innerhalb der dreijährigen Ausbildung einen anerkannten Berufsabschluss als Grafischer Zeichner oder Grafiker erwerben.

Der Künstler und Pädagoge Leo Schobinger leitet die Klasse. Ihm folgt später der Künstler Robert Förch. Anfang der 90er Jahre übernimmt der Fotograf Edgar Marra die Ausbildung. Nunmehr heißt der erreichbare Abschluss »Staatlich geprüfter Grafik Designer«.

1959 wird das Berufsbild des Kartographen verabschiedet und in Stuttgart beschult. Die Vorgängerberufe Kartokupferstecher, Kartolithograph und Landkartenzeichner sind damit Vergangenheit. Ebenfalls neu etabliert sich der Beruf des Siebdruckers, dessen Technik erst nach dem Krieg von den Amerikanern übernommen wurde.

1961 sind 1550 Schüler an der Gewerblichen Berufsschule für das Graphische Gewerbe angemeldet, die in den Räumen der Seidenstraße schon lange keinen Platz mehr finden. Immer mehr Außenstellen für einzelne Berufsgruppen müssen eingerichtet werden. Um die Raumknappheit der Schule auf Dauer zu entschärfen, soll die Höhere Fachschule in einen Neubau auf den Stuttgarter Hallschlag ziehen; die Berufsschule soll an der Seidenstraße verbleiben und einen Anbau erhalten.

↑Top

 

1963–1972

1963 beschließt der Stuttgarter Gemeinderat die Planung eines Erweiterungsbaus für die Gewerbliche Berufsschule für das Graphische Gewerbe an der Seidenstraße. Er stößt bei der Lehrerschaft auf Skepsis und wird als Notlösung empfunden, denn der vorgesehene Neubau auf dem Hallschlag für die Höhere Fachschule verspricht nur wenig Entlastung.

Neuprojektierungen von 1963 und 1966 kommen über den Planungsstatus nicht hinaus.

Mit dem Semester 1963/64 wird die Höhere Fachschule selbstständig und erhält Ingenierschulstatus. Die Meisterschule koppelt man in diesem Zusammenhang von der Höheren Fachschule ab und gliedert sie als einjährige Vollzeitschule der Berufsschule zu, die sich nun Gewerbliche Berufs- und Fachschule für die grafischen Berufe nennt.

Die Schule hat nun 1491 Schüler, 67 Meisterschüler, 29 Berufsfachschüler und, über das Schuljahr verteilt, 1107 Abendkursteilnehmer. Die Berufschancen sind glänzend, da im ganzen Land praktisch Vollbeschäftigung herrscht.

Die hohen Schülerzahlen zwingen zur Einrichtung weiterer Außenstellen, vor allem für die Theorieklassen, während der überwiegende Teil der Technik und die Verwaltung im Hauptgebäude an der Seidenstraße verbleiben. Und so wächst der Druck auf die Stadt, Neu- oder Erweiterungsbauten zu errichten. Eine Aufzählung macht die Notlage der Berufsschule Ende der 60er Jahre deutlich:

• Ein Teil der Schriftsetzer ist in drei Behelfsräumen in der Steinbeis-Gewerbeschule untergebracht.

• Die Buchdrucker ziehen in drei behelfsmäßig als Lehrsäle hergerichtete Räume am Strohberg 10, wo sie es sich hinter zahlreich vorhandenen Stützpfeilern gemütlich machen können. Eine Werkstatt wird in den Keller-Katakomben eingerichtet.

• Die Reproberufe residieren in zwei Klassenräumen in einer Baracke in der Hackstraße, Ecke Schwarenbergstraße, heute Standort der Bergschule.

• Die Buchbinder residieren im Zeppelin-Gymnasium in der Neckarstraße 149.

• Die Berufsfachschule für das graphische Zeichnen, ab 1968 Berufskolleg, ist bis 1976 in der Strümpfelbacher Straße 38 in Stuttgart Untertürkheim untergebracht.

• Flachdrucker bekommen übergangsweise einen Klassenraum im Zeppelin-Gymnasium, ziehen aber ab 1969 zu den Buchdruckern ins erweiterte Strohberg-Gebäude Ecke Filderstraße. Es ist ein ehemaliges Jugendstil-Theater, das einige Kriegsschäden erlitten hatte und als Schulprovisorium notdürftig wieder hergestellt worden war. Dort werden auch andere Berufe konzentriert. Neben dem Buchdruck richtet man dort auch eine Siebdruck-Werkstatt ein.

• Fotografen und Vollzeitschüler werden weiterhin in der Stammschule Seidenstraße unterrichtet.

Im Sommer 1969 fällt der Beschluss, auf dem heutigen Standort im Hallschlag einen Schulneubau für die Gewerbliche Berufs- und Fachschule für die grafischen Berufe zu errichten. Noch in der Planungsphase bestimmt der Stuttgarter Gemeinderat am 26. Oktober 1972 die Schule ab Dezember in Johannes-Gutenberg-Schule umzubenennen.

↑Top

 

1973–1982

Nach jahrelangen Planungen und dreijähriger Bauzeit ist es so weit: Im September 1976 zieht die Johannes-Gutenberg-Schule in die neuen Gebäude an der Rostocker Straße 25 auf dem Stuttgarter Hallschlag ein. Im Oktober desselben Jahres verlässt auch die Fachschule für Druck das bisherige gemeinsame Gebäude in der Seidenstraße und siedelt nach Stuttgart-Vaihingen um. Berufsschule und Fachschule sind seitdem nicht nur organisatorisch, sondern auch räumlich getrennt.

Das Kollegium ist bei der Einweihungsfeier über die großzügige Lösung mit durch Scheddach-Fenster lichtdurchfluteten Werkstätten und hellen Klassenräumen glücklich. Heidelberger und MAN Roland als Druckmaschinenhersteller beteiligen sich wie viele andere Lieferbetriebe großzügig an der Ausstattung.

Zwischen 1973 und 1976 sinkt die Zahl der Schüler um 50% auf 900. So gibt man einige der Theorie-Räume zunächst an die Steinbeis-Berufschule ab, bis man sie ab 1983/84 selber wieder dringend braucht.

Mit dem Einzug in das Schulgebäude werden - von Industrie und Handwerk zum Teil gefordert, von Verbands- und politischen Gremien aufs heftigste bekämpft - ein einjähriges Berufsgrundbildungsjahr (BGJ) für Fotografen und eine ebenfalls einjährige Berufsfachschule (BFS) mit Parallelklassen für Drucker, Buchbinder und die Druckvorstufe eingerichtet. Die Schüler haben überwiegend Vorverträge zur Übernahme in das zweite Ausbildungsjahr. Der Unterricht ist in zwei Theorietage und drei Praxistage aufgeteilt, in denen die Schüler betriebsnah ausgebildet werden. Besonders Fotografen und Buchbinder hatten sich für eine rein schulische Ausbildung im ersten Lehrjahr stark gemacht, um die Betriebe von der kostenintensiven Einlernzeit zu entlasten.

1980/81 entsteht auf Initiative des Layout-Kursleiters Hans Häfner eine Fachschule für Gestaltung, heute Fachschule für Visuelle Kommunikation. Grafisch Begabte mit einschlägiger Berufsausbildung erwerben heute in zweijährigem berufsbegleitendem Unterricht montags und samstags den Abschluss zum »Staatlich geprüften Layouter«.

↑Top

 

1983–1992

Anfang der 80er Jahre erobern die Personal-Computer die Büros. Und auch die Schule trägt dieser Entwicklung technisch und personell Rechnung:

1983 erhält die Johannes-Gutenberg-Schule ihren ersten mit Apple-Computern eingerichteten Klassenraum. Zugleich nutzt die Schule die im selben Jahr stattfindende 80-Jahr-Feier und weist in der Jubiläumsbroschüre auf die zu geringe Anzahl von Bildschirmarbeitsplätzen hin.

Im Schuljahr 1986/87 müssen alle Lehrer im beruflichen Schulwesen in ihrer unterrichtsfreien Zeit an zwei mehrwöchigen PC-Schulungs-Grundkursen teilnehmen.

Von 1988 an führen Karl Kirn und Rainer Leippold die Fachschule für Visuelle Kommunikation mit hohem Engagement und Sachverstand weiter.

Ab dem Schuljahr 1989/90 kann bei gleichzeitig verbesserter Rechnerausstattung in allen Berufs- und Fachschulklassen der Computerunterricht als Pflichtunterricht angeboten werden.

Nach den wirtschaftlich schwachen Jahren 1983/84 boomt die Druckindustrie Ende des Jahrzehnts wieder.

1990/91 werden allein in der Druckabteilung sechs Parallelklassen Drucker sowie 2 Druckformhersteller- und Siebdruckklassen mit durchschnittlich 30 Schülern eingeschult. Die Grafik-Designer erhalten den für Unterrichts- und Computerräume dringend benötigten Platz, indem sie von 1990-94 ins Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium ziehen.

Eklatanter Mangel an fundiert ausgebildeten Nachwuchslehrern wird jetzt deutlich. Es kommt zu nicht mehr tolerierbaren Unterrichtsausfällen. Von den im Bildungsplan vorgesehenen 13 Wochenstunden werden für manche Berufe lediglich 8 bis 9 Stunden erteilt. Baden-Württemberg behilft sich mit einem in Notzeiten immer wieder strapazierten Modell, um den Lehrermangel zu mildern: Von den Oberschulämtern werden FH-Ingenieure mit mehrjähriger Berufserfahrung angeworben und mit einer pädagogischen Nachschulung als sogenannte »Seiteneinsteiger« an die Berufsschulen geschickt.

Erst 1992 kommt es in der Druckbranche zu einem konjunkturellen Rückgang und somit auch zu reduzierten Lehrlingszahlen. Die Unterrichtsversorgung verbessert sich dadurch wieder etwas.

↑Top

 

1993–heute

Immer stärker spüren Druck- und Vorstufenbetriebe die Konkurrenz der Non-Print-Medien, die einen steigenden Anteil der Werbeetats vor allem großer Firmen für sich vereinnahmen. »Vom papierlosen Büro sind wir genauso weit weg, wie vom papierlosen Klo« gibt der Siemens-Vorstandsvorsitzende Heinrich von Pierer schon bald Entwarnung und nimmt den medienwirksamen Zukunftsvisionen der 80er Jahre ihren Schrecken. Gleichwohl zeigt sich deutlich: der Trend zur digitalen Produktion ist nicht mehr zu stoppen. Druckereien versuchen ihre Arbeitsprozesse - neuerdings spricht man von Workflow - immer stärker zu digitalisieren und damit auch zu rationalisieren. Der Weg zur Druckplattenbelichtung aus dem Datenbestand (Computer-to-Plate), außerhalb oder auch in der Druckmaschine (Computer-to-Press), ist gegen Ende des Jahrtausends ausgereift. Die Johannes-Gutenberg-Schule geht diesen Weg im Ausbildungsbereich mit neuen Maschinen mit:

• 2000: Computer-to-Film-Anlage mit Ausschießprogramm

• 2001: Heidelberg DI

• 2003: Computer-to-Plate-Anlage

Und so wird der Ruf vieler Druckvorstufenbetriebe nach einer Ausbildung, die Bild- und Textverarbeitung umfasst, Anfang der 90er immer lauter.

1995 erfolgt die Umstellung mit dem neuen Ausbildungsberuf »Werbevorlagenhersteller«, in den Ausbildungsinhalte des Druckvorlagenherstellers und des Schriftsetzers integriert werden.

Einige Agenturen und Verlage sind mit diesen Änderungen nicht zufrieden. Hanns-Peter-Schöbel (Absolvent des JGS-Meisterkurses 59/60), zuständig für den Pre-Press-Bereich im Hause Burda, dessen Nachrichtenmagazin »Focus« rein digital erstellt wird, geht die Neuorganisation nicht weit genug. Er wirbt im Juli 1995 für das Berufsbild des Medienoperators. Seine Vorstöße regen die öffentliche Diskussion an und sorgen für überregionale Verbandsaktivitäten.

1998 einigen sich die Vertreter des Bundesverbandes Druck und der IG Medien auf einen einzigen Druckvorstufenberuf: den »Mediengestalter für Digital- und Printmedien«. Die bisherigen Ausbildungsberufe, der Werbe- und Medienvorlagenhersteller, Reprohersteller, Schriftsetzer, Reprografen und Fotogravurzeichner gehören der Vergangenheit an.

Der »Mediengestalter für Digital- und Printmedien« erhält vier Fachrichtungen: Medienberatung, Mediendesign, Medienoperating und Medientechnik. So kann auf die enorme Vielfalt der betrieblichen Anforderungen differenziert eingegangen werden. (Schwierigkeiten macht vielen Betrieben zunächst, den für ihren Betrieb geeigneten Ausbildungsgang festzulegen. Von Seiten der Kammern, der Verbände und der Schule ist in den ersten Jahren viel Beratungsarbeit notwendig.)

Leicht tut man sich allerdings auch an der Schule nicht mit den neuen Berufen. Die JGS legt die Abteilungen Reproduktions- und Satztechnik zusammen, um der geänderten industriellen Realität näher zu kommen. Klassenbildungen sind erschwert, weil die Auszubildenden oft nicht ihre Fachrichtung kennen. Neue Ausbildungsbetriebe mit Kreativnamen wie »Pixelpark«, »COMM.ON.LINE« oder »R + R Multimedia« treten auf. Für viele neue Techniken, wie Internet-Seitenerstellung, CD-ROM-Produktion, Digitalfotografie oder Videobearbeitung hat es zuvor noch keine Berufsausbildung gegeben. Sie waren bis dato eine Domäne für Quereinsteiger und Elektronikfreaks unterschiedlichster Branchen, die sich ihr Wissen autodidaktisch erarbeitet hatten. Auf einmal müssen altgediente Satzlehrer Mediengestalter aus Agenturen unterrichten, die ausschließlich interaktive Computerspiele fertigen und weder etwas mit Drucktechnik zu tun haben noch etwas darüber hören wollen.

2001 schult man an der JGS zehn Mediengestalterklassen mit durchschnittlich 30 Schülern ein. Mit Hilfe des Oberschulamtes holt die Schulleitung aus der Industrie dringend benötigte Fachleute als Lehrer an die JGS, die über Kenntnisse in den neuen Techniken verfügen und in Sonderkursen ins Lehramt eingeführt werden.

Ein wenig früher als die Druckvorstufen-Berufe reagieren die Fotografen auf die Veränderungen. Die neue Technik der Digitalfotografie und die damit erleichterte elektronische Bildverarbeitung mit anschließender Digitaldruckausgabe verändert das Berufsbild der Fotografen und der Fotolaboranten wesentlich. Mit Beginn des Schuljahrs 1997/98 wird an der JGS der neue Beruf des »Fotomedienlaboranten« beschult, der die neuen Berufsanforderungen berücksichtigt. Als neuer Beruf wird ab dem Schuljahr 1998/99 der »Mediengestalter Bild und Ton« an der Johannes-Gutenberg-Schule unterrichtet. Er umfasst Inhalte der Tontechnik und kombiniert diese mit Grundlagen der Bewegtbilderstellung und -bearbeitung. Erstmals wird der Beruf in einem Ausbildungsverband zwischen der Johannes-Gutenberg-Schule und der Werner-von-Siemens-Schule unterrichtet.

Mit großzügiger Unterstützung der Zulieferindustrie bemüht sich die Schule sowohl in der Computerausstattung als auch in den »konventionellen Bereichen« um eine ständig aktualisierte technische Ausstattung. Durch die Schnelllebigkeit der technischen Innovationen und die raschen Weiterentwicklungen der Programmsoftware, deren Halbwertzeit bei manchen Versionen ein Schuljahr kaum überdauert, entsteht vor allem bei den Lehrern der neuen Medien ein permanenter Fortbildungsbedarf. Die Johannes-Gutenberg-Schule wird als dualer Partner der Industrie weiterhin eine zeitgemäße Ausbildung sicherstellen, so wie in den über 100 Jahren ihrer Geschichte.

↑Top