jgs-Buchtipp: “1913 – jetzt im zweiten Aufguss”

 

Weihnachten steht vor der Tür, bald kommt der 3. Advent. Wer jetzt noch Weihnachtsgeschenke sucht, könnte hier fündig werden. In der Serie “Grad mein Lieblingsbuch” stellt jgs-Lehrer Achim Tennigkeit eine Neuerscheinung vor, die erschwinglich ist und gut unter den Weihnachtsbaum passt:

Ich muss zugeben: Anfangs war ich durchaus etwas skeptisch. Wenn just 5 Jahre nach Florian Illies Beststeller “1913” ein weiteres Buch mit dem Titel “1913. Was ich unbedingt noch erzählen wollte” vom gleichen Autor herauskommt, klingt das zunächst schlicht nach Verlegerkalkül. Leicht durchschaubar.

Illies selbst meint, dieses Jahr lasse ihn einfach nicht los. Und je tiefer er hineingetaucht sei, um so schönere Schätze habe er auf dem Meeresgrund gefunden. Man merkt: Der Mann kommt vom Feuilleton, war bei der FAZ und bei der Zeit, seit kurzem ist er Verleger bei Rowohlt. Und feuilletonistisch ist und bleibt auch sein Stil, doch den beherrscht er meisterhaft, im Kleinen gekonnt das Große zeigen, auch jetzt im zweiten Aufguss von 1913.

In eingängige Episoden und kurzweilige Anekdoten verpackt begegnen dem Leser zahlreichen Personen der Zeitgeschichte gleichsam im Vorbeigehen. Sie kommen und bleiben nie lange. Hermann Hesse etwa: Er hält es mit seiner Frau Mia in Bern nicht mehr aus und flieht – kein Witz – zum Zahnarzt nach Konstanz. “Ich verspreche mir zwei, drei Tage Ablenkung und Erholung und hoffe, es ist recht viel an meinen Zähnen zu machen”, lässt Illies Hesse sagen, um das dann prägnant und süffisant mit den Worten “Dem Manne kann geholfen werden” zu kommentieren. Nur wenige Wochen danach erhält Hesse einen ersten Brief von einer jungen Bewunderin, die (allerdings erst) 14 Jahre später seine Ehefrau werden sollte: Ninon Ausländer, damals gerade mal kurz vor dem Abitur stehend.

Henri Matisse entflieht dem tristen grauen Pariser Winter ins lichtüberflutete Marokko, ist “verzückt, berauscht und hingerissen” von der Intensität und Fülle der Farben, hier malt er vom Zimmer aus sein berühmtes Bild “Fenster in Tanger.”

Auch andere Künstler, die es sich leisten können, wollen dem Winter diesmal ein Schnippchen schlagen. Gerhart Hauptmann, frischgebackener Literaturnobelpreisträger, reist mit seiner Frau und 16 vollgepackten Koffern nach Portofino, um bei gutem Essen und kühlem Weißwein einer “bräsigen Selbstzufriedenheit” (so Illies) zu frönen, die er selbst “passive Produktivität” nennt.

Und auch Rilke kommt nicht gut weg bei Florian Illies. Als Lou Andreas-Salome ihm vielsagend schreibt, dass seine Schuhe immer noch in ihrer Diele stünden, versteigt sich Illies spöttisch zu dem Satz: “Und Rilke, unser großer Pantoffelheld, hat das für seine Verhältnisse ziemlich schnell verstanden und reiste an.” Der Lyriker wird später zum hypochondrisch veranlagten Weichei stilisiert, und auch der junge Brecht kommt nicht ungeschoren davon: “Der junge Mann leidet unter Herzschmerzen. Erst später merkt er, dass das bei einem Lyriker dazugehört.”

Wesentlich besser schneiden bei Illies die umtriebige Dichterin Else Lasker-Schüler und ihr Mann Herwarth Walden ab. Dem Impressario an ihrer Seite gelingt es 1913, eine gigantische Ausstellung mit Werken von Chagall, Delauney, Ernst, Kandinsky, Macke und Marc auf die Beine zu stellen und damit neue Maßstäbe zu setzen.

Albert Einstein trifft in Zürich Max Plank und Walther Nernst und nimmt deren Offerte an, in Berlin eine Professur ohne Lehrverpflichtungen anzutreten, um sich dort ganz seiner Forschung widmen zu können. Pikant: Seine Geliebte Elsa Löwenthal lebt in Berlin.

Auch schräge und bunte Vögel tauchen immer wieder auf: Coco Chanel, Enrico Caruso oder auch die geheimnisvolle Fürstin Eugenie Schakowskoy, die sich leidenschaftlich Autorennen, dem Schießen und dem Fliegen verschrieben hat (was damals für eine Frau ihres Standes völlig unüblich war), und die sogar einen von ihr verursachten Flugzeugabsturz mit “ein paar Schrammen” überlebt, bei dem ihr Lover ums Leben kommt.

Europas Künstler und Intellektuelle jagen in diesem Jahr allen möglichen Aktivitäten hinterher und kaum einer sieht das Unheil wirklich kommen.

August Bebel stirbt 1913 mit 73, Ferdinand de Saussure und Rudolf Diesel mit gerade mal 55 Jahren.

Das Unheil des kurz bevorstehenden ersten Weltkriegs liegt bereits in der Luft, es wird – oft nur zwischen den Zeilen – auch greifbar, es schimmert durch, und kaum einer will es sehen und wenn doch, dann nur, um viel zu schnell wieder vergessen zu werden.

Das so aufgezeigt zu haben, ist Florian Illies ein weiteres Mal hervorragend gelungen.

Das Buch ist im S. Fischer Verlag erschienen und kostet 20 Euro.

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