jgs-Buchtipp: Grad mein Lieblingsbuch – “Wahlbekanntschaften” von Jutta Voigt

Gerade mal 160 Seiten umfasst das handliche Büchlein “Wahlbekanntschaften. Menschen im Cafe” der Berliner Autorin Jutta Voigt. Das Konzept: Ein Jahr lang hat Voigt für die Zeitschrift “Die Zeit” einmal pro Woche einen ihr völlig unbekannten Menschen in einem Berliner Cafe angesprochen, sich ein paar Minuten mit ihm unterhalten und dann gehen beide wieder ihres Weges. Jutta Voigt macht aus diesen Momentaufnahmen 47 spannende Kurzgeschichten, deren hintergründiger Reiz in der Einmaligkeit und gewollten Flüchtigkeit der Begegnung liegt.

Da trifft Jutta Voigt die italienische Pianistin auf eine Zigarette, die in ihrer Heimatstadt Neapel Musik und Politik studiert hat, dann der Liebe wegen nach Berlin kommt und dort in einem riesigen Nobeleinkaufszentrum durch ihr dezentes Klavierspiel die Kauflust der durchweg solventen Kundschaft anregen und steigern soll, die aber ihren Traum, Konzertpianistin zu werden noch lange nicht aufgegeben hat.

Da ist die Autorin wie das gesamte Konzertpublikum zunächst total fasziniert von der atemberaubenden Stimme und Schönheit der deutsch-afrikanischen Sängerin Lyambiko, die sich durch einen krassen Imagewechsel einer allzu publikumsnahen Gefälligkeit entzieht, der Autorin aber einen Einblick in ihre Seele gewährt, bevor sie auf die Bühne zurückkehrt.

Oder man lernt den längst in die Jahre gekommenen einstigen Fotografen der Ostberliner Oper kennen, der in einer Szenekneipe seine Kunst einsetzt, um junge Mädchen, die in ihrem Leben oft in der zweiten Reihe oder im Schatten anderer standen, die riesige Freude zu machen, sie einmal ganz ins Rampenlicht zu stellen.

Und auch der junge Student, Lebenskünstler und Django-Reinhard-Verehrer begegnet der einfühlsamen Autorin auf einen Kaffee, der jedes Jahr zum Festival seines Idols nach Frankreich fährt, und der auf Besitz pfeift, weil der unfrei mache.

Und schließlich trifft Jutta Voigt auf einen Schwaben in einer Cafebar, der (oje, musste das sein?) als Einziger ihre Bitte um ein kurzes Gespräch abschlägig behandelt und sie voll auflaufen lässt.

Die stete Beiläufigkeit und scheinbare Beliebigkeit der Begegnungen geben den “Wahlbekanntschaften”, die Jutta Voigt in 47 verschiedenen Cafes macht, die besondere Note, sie lassen gleichsam im Vorübergehen ein buntes Panoptikum von Großstadtmenschen vor dem Leser entstehen, das auch viel vom Zeitgeist des frühen 21. Jahrhunderts einfängt.

Text: Achim Tennigkeit

 

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