TV-Filmkritik: “Unterleuten” als Dreiteiler im ZDF

Szene aus “Unterleuten”

(Foto: Stefan Erhard/ZDF)

Keine Frage: Regisseur Matti Geschonneck und Drehbuchautor Magnus Vattrodt haben eine sehr ambitionierte und durchaus gelungene Verfilmung des Romanstoffs von Juli Zehs “Unterleuten” als Dreiteiler hinbekommen.

Beide sind Grimme-Preisträger, kennen und schätzen sich seit vielen Jahren. Das zahlt sich aus: Die Dialoge im Film sitzen, sie sind knapp und kommen auf den Punkt. Auch die Dramaturgie stimmt: Der Spannungsbogen wird hochgehalten, vor allem in Teil 1, da kommt dem Regisseur zugute, dass er viele TV-Krimis wie Tatort gedreht hat und genau weiß, wie so etwas geht.

Zur Figurenkostellation: Alle Akteure denken, sie wüssten, was Sache ist, aber keiner hat wirklich den Durchblick. Eine der besten Sequenzen ist die Bürgerversammlung, die der Bürgermeister und Vento-Marketingfrau Anne Pilz aus Hannover einberufen, um den Dorfbewohner den Windpark schmackhaft zu machen. Pilz zeigt sich danach ganz schön abgebrüht: “Es läuft überall gleich ab. Erst Empörung, dann eine Unterschriftenaktion und schließlich Resignation. Aber mit Resignation kann man arbeiten”, sagt sie unter vier Augen zum Bürgermeister. Bald darauf erfährt man freilich, dass auch sie nur ein kleines Rad im Getriebe ist.

 

Oder Ulrich Noethen als leicht vertrottelter Großstadtflüchtling, der aufs Land zieht und glaubt, hier würde noch alles intakt sein. Da will der gelernte Soziologe als Vogelschützer wirken und hofft, den Berlinballast hinter sich lassen zu können. Kurz vor der Bürgerversammlung raunt er naiv-emphatisch seiner Frau noch zu: “Hier gibt es noch echte Demokratie.” Um freilich bald eines Besseren belehrt zu werden.

Zwei, die gar nicht miteinander können, sind der skrupellose Großbauer Gombrowski und der verbitterte Altkommunist Korn. Beide sind zum Fossil geworden, sie stehen für eine Zeit, die zuende geht, am Schluss spielen beide keine Rolle mehr. Die Zukunft findet ohne sie statt.

Verfilmung und Buch sind multiperspektivisch angelegt. Durch die häufigen Perspektivwechsel wird klar, dass alle Figuren Annahmen über ihre Gegenspieler machen, die sich oft im Nachhinein als blanke Irrtümer und fatale Fehleinschätzungen erweisen. Bei Juli Zeh klingt das so: “Ständig glaubten alle, alles zu wissen, während in Wahrheit niemand im Bilde war.” Und: “Die Wahrheit war nicht das, was sich wirklich ereignet hatte, sondern das, was die Leute einander erzählten.” Mit fatalen Folgen: Letztlich bleibt jeder in seiner beschränkten Sichtweise gefangen, das Wohl des ganzen Gemeinwesens hat keiner von ihnen im Blick.

Nicht ganz so zu überzeugen vermag die Auflösung in Teil 3, da bleibt manches doch eher klischeehaft und schablonenartig: Gombrowski verliert alles und nimmt das Leben, der Spekulant verzockt sich gründlich, der Partner der Pferdenärrin wittert das große Geld und fährt mit dem Auto gegen einen Baum, der Vogelschützer deutet Aussagen und Indizien völlig falsch, wird brutal gewaltigtätig und stürzt sich und seine Familie damit ins Unglück.

Die Frauenfiguren kommen zum Teil etwas besser weg, die Marketingfrau macht Karriere und verdient künftig das Doppelte im Ausland. Frau Gombrowski stürzt erst die Geliebte ihres Mannes ins Verderben, dann verlässt sie ihren Mann und setzt dessen Hund an der Autobahn aus. Gewinner sehen anders aus.

Fazit: Man kann mit Fug und Recht vieles kritisieren am öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wenn dieser seinen Aufgaben, die gebührenentrichtenden Zuschauer mit einer gekonnten Grundversorgung in Sachen Information, Unterhaltung, Bildung, Beratung und Kultur zu versehen, häufiger so nachkäme, müsste man sich um seine Bestandsgarantie in Zukunft kaum mehr Sorgen machen. Also, bitte künftig mehr Eigenproduktionen auf diesem beachtlichen Niveau!

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