Geschichte statt Golf: Kollegiumsausflug mit Plan B

Eigentlich sollte es ein sportlicher Nachmittag mit Minigolfschläger werden, doch das Wetter hatte andere Pläne. Wegen Regen und vorhergesagter Sturmböen entschied sich das Kollegium für das Stadtpalais Stuttgart und die Ausstellung „Das Neue Stuttgart“.

Shakespeares „Was ihr wollt“ beginnt mit einem Schiffbruch bei Sturm, den Olivia überlebt; doch so, wie sich Olivias schlimmes Schicksal zum Guten wendet und sie schließlich den Herzog Orsino heiratet, wandte sich auch für das Kollegium der JGS das Blatt zum Guten. Doch der Reihe nach.

Der Unterricht endete am Donnerstag, 23.10.2025, für alle teilnehmenden Lehrkräfte nach der vierten Stunde. Zuerst trafen sie sich alle, um gemeinsam selbst mitgebrachte Speisen gemütlich zu Mittag zu essen. Die Schulleitung steuerte Kaffee und Tee für alle bei. Es gab Raum und Gelegen-heit für Gespräche. Mit U-Bahn oder Fahrrad fanden sich alle im Stadtpalais ein.

Da die Ausstellung „Das Neue Stuttgart“ nicht alle JGS-Lehrkräfte auf einmal aufnehmen konnte, sah sich eine Hälfte zuerst die ständige Ausstellung „Stuttgarter Stadtgeschichten“ an. Besonders eindrucksvoll empfing ein realistisches weißes Modell der Landeshauptstadt und ihrer Umgebung die Besuchenden. Es veranschaulichte nicht nur die geographische Lage, sondern zeigte sogar jedes einzelne Haus. Projektoren setzten das Modell farbig in Szene: Die historische Besiedlung seit der Steinzeit wurde nacheinander ebenso eingeblendet wie die Bewegung der Luftströme oder Wärme- und Kältezonen im Tagesverlauf, der Straßenverkehr oder die Schadstoffbelastung.

Darum herum erzählten Exponate aus 200 Jahren Stadtgeschichte, wie Stuttgart wurde, was es heute ist: lebendig, vielfältig, besonders. So spiegelte das Poesiealbum einer jungen Schülern die beiden Welten wider, in denen sie aufwuchs: Ihre Familie und Verwandten schrieben auf Italienisch hinein, ihre Mitschüler/-innen auf Deutsch. Sie konnte und wollte sich nicht nur für eine der Welten entscheiden, sondern fühlte sich beiden gleichermaßen verbunden. Ausgestopfte Tiere wie ein Vogel Strauß oder ein Mischlingsbär, halb Eis-, halb Braunbär, erinnert an den Tiergarten Nill. Dieser war seit dem 19. Jahrhundert jahrzehntelang eine feste Größe in der Freizeitgestaltung der Stuttgarter/-innen, bis er aus finanziellen Gründen schließen musste und die Wilhelma ihn nach dem Zweiten Weltkrieg als Zoo ersetzte.

Auch im Abreißen tat sich Stuttgart seit der Nachkriegszeit immer wieder hervor. So wurde das sogenannte „steinerne Haus“ aus dem Jahre 1294 mit gotischen Fenstern abgerissen, um acht Parkplätze schaffen zu können. Auch einen Meilenstein der modernen Architektur, das Kaufhaus Schocken von Erich Mendelssohn, machten Abrissbagger trotz nationaler und internationaler Proteste dem Erdboden gleich, um Platz für den Cityring zu bekommen – aus heutiger Sicht eine klare Fehlentscheidung. Der Stimmung taten die Exponate keinen Abbruch und es entstanden viele Gespräche, durch die auch neue Mitglieder unseres Kollegiums besser ins Team hineingefunden haben.

Ein Stockwerk höher schrieben oder machten 25 Exponate Stuttgarter Geschichte. Ausgestattet mit Kopfhörern hörte das Kollegium der JGS die Geschichten um die jeweiligen Objekte dreidimensional, d.h. je näher man einem Gegenstand kam, desto lauter wurde die Geräuschkulisse und auf be-stimmten Feldern auf dem Boden waren Erzählstimmen zu hören. Die Zeitspanne reichte von der Novemberrevolution 1918 über die Ausstellung der „Stuttgarter Küche“ auf der Werkbundausstellung 1927, die Erstbesteigung des Mount Everest mit einer in Stuttgart hergestellten Kodak Retina 118 im Jahr 1953 bis zu den Protesten gegen Stuttgart 21. Eine historische Fotografie ergänzte jedes Objekt, KI erweiterte sie über den Fußboden und schuf einen begehbaren Bildraum.

Einen schönen Schlusspunkt bildete der gemeinsame Ausklang im Café Nast. Bei Kaffee, Tee, Erfrischungsgetränken, Kuchen, Torten und noch mehr fanden die Kolleginnen und Kollegen der JGS reichlich Raum für Gespräche, Austausch und neue Ideen. So trat der Kollegiumsausflug den Beweis an, dass Gemeinschaft, gute Gespräche und Lachen auch ohne Sonnenschein zu haben sind.

Text: Florian Spannagel, Fotos: Tom Öttle

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