Der Essay – klein, aber fein

An den englischen Universitäten spielt der Essay traditionell eine weitaus größere Rolle als hierzulande. Dabei handelt es sich um eine geistreiche Abhandlung zu einem Thema, bei dem die persönliche Auseinandersetzung des Autors mit seinem Sujet eine wesentliche Rolle spielt:

Den Essay als literarische Form begründet hat seinerzeit der französischen Autor Michel de Montaigne bereits im 16. Jahrhundert. Montaigne wirft tiefgehende Fragen auf, die es zu stellen gilt, auch und gerade im Wissen darum, dass es darauf oft keine endgültigen Antworten geben könne. Daher entwickelt ein richtig guter Essay immer neue Fragenstellungen und führt den eingeleiteten Diskurs weiter. Schlussfolgerungen daraus zu ziehen bleibt dabei Sache des Lesers, er wird nicht mit einer herrschenden Lehrmeinung abgespeist, sondern animiert, seine eigene Sicht der Dinge zu formen und zu verfeinern.

Francis Bacon setzt an der Schnittstelle von Renaissance zur Neuzeit in seinen Essays die Akzente etwas anders, bei ihm kommt die Komponente des Versuchs einer meist deduktiven Beweisführung hinzu. Selbst Position zu beziehen wird für den Essayisten immer bedeutender.

Im 20. Jahrundert betont Walter Benjamin das Zeitgenossentum und die Epochenzugehörigkeit des modernen Essayisten, es gehe darum, „den Integrationsprozess der Wissenschaft durch eine Analyse des Kunstwerks zu fördern, die in ihm einen integralen, nach keiner Seite gebietsmäßig einzuschränkenden Ausdruck der religiösen, metaphysischen, politischen, wirtschaftlichen Tendenzen einer Epoche erkennt.“

Heutzutage ist der Essay eine nach wie vor experimentelle Form, sich dem Gegenstand der Überlegungen zu nähern und ihn aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Das Wichtigste ist jedoch nicht der Gegenstand der Überlegungen, sondern das Entwickeln der Gedanken vor den Augen des Lesers. Essays zeichnen sich häufig durch eine gewisse Leichtigkeit, stilistische Reife, gute Verständlichkeit und oft hintergründigen Humor aus. Zu den Besten seines Fachs gehört zweifellos der Schweizer Dieter Bachmann, dessen jüngstes Oeuvre „Archipel“ in beeindruckender Weise zeigt, was das Genre Essay auch im 21. Jahrhundert noch leisten kann. Reinlesen lohnt sich!

Montaigne   Bild: Francois Quesnel

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