“Anne Will hätte bei Goethe kein Bein auf die Erde gebracht” – Was kann uns Goethe heute sagen?

Welchen Roman aus der Feder von Goethe sollte man jetzt lesen?

“Die Wahlverwandtschaften”! In ihrer naturwissenschaftlichen Grundierung und psychologischen Abgründigkeit sind sie ungeheuer modern.

Wären Goethes Bücher heute Bestseller?

Sein “Werther” war ein europäischer Bestseller. Heute wird der literarische Markt ja von Agenten und Medien gesteuert, was zu seiner Zeit noch nicht der Fall war. Aber der Erfolg etwa von Ulrich Plenzdorfs Buch “Die neuen Leiden des jungen W.” zeigt, dass Werther immer noch fester Bestandteil unserer kulturellen Erinnerung ist.

Welche Krisen musste Goethe in seinem Leben bewältigen?

Gesundheitliche Krisen hat er oft durchgemacht, schon bei seiner Geburt wäre er fast gestorben. Das Bild, dass Goethe meist ein gesunder Mensch im Unterschied zum ewig leidenden Schiller war, stimmt nicht. Er hatte eine schwere Tuberkulose während seiner Leipziger Studienzeit, oft Gichtanfälle und zwei Herzinfarkte. Es gab kaum vier Wochen, in denen er sich wirklich wohl fühlte, hat er einmal gesagt. Aber er hat sich nie gehen lassen und es immer wieder geschafft, aus dem Tief herauszukommen mit einer unerhörten Lebensdisziplin. Aus allen Krisen hat er sich immer wieder zu neuer Lebensenergie aufgerafft.

Könnten Sie sich Goethe heute als Politiker vorstellen?

Goethe war ja auch Politiker und hat im Herzogtum Weimar eine erhaltende Politik betrieben, die zugleich auf ständige Erneuerung bedacht war. Seine Grundeinstellung bis ins Alter war, dass die Dinge alle 50 Jahre eine andere Gestalt haben, so dass eine Einrichtung, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Fortschritt war, ein halbes Jahrhundert später ein rückständiges Übel sein kann. Ob er es nochmal auf sich nehmen würde, wenn er jetzt leben würde, einen Teil seines Lebens der Politik zu opfern, glaube ich nicht. Schade, denn als Minister für Kultur täte er der Politik sehr gut.

Wäre Goethe denn heute ein gefragter Mann in Talk Shows, z.B. bei Anne Will?

Er war ein sehr gesprächsfreudiger Mensch und beherrschte die Regeln der Konversationskunst, wie sie in Frankreich ausgebildet worden waren. Weil er ein Widerspruchsgeist war, wollte er sich nicht festlegen lassen. Ich denke da vor allem an seine Gespräche mit Madame de Stael, die er bei ihrem Weimar-Besuch schier zur Verzweiflung gebracht hat, weil er ihr ständig widersprach. Also Anne Will hätte bei Goethe kein Bein auf die Erde gebracht.

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