Auf dem Prüfstand: Literaturverfilmung “Ein fliehendes Pferd”

Drehort der Anfangsszene: Strandbad Überlingen   Foto: Sitacuisses

Literaturverfilmungen gehen oft daneben. Häufig verwässern sie den literarischen Gehalt eines Werks, trivialisieren die Inhalte und machen einen Stoff plump massenkompatibel und damit vielleicht profitabel. Michael Ende bereute einst öffentlich bitter, die Rechte für “Die unendliche Geschichte” und “Momo” für gutes Geld aus der Hand gegeben zu haben, ohne danach jedweden Einfluss auf die Verfilmung nehmen zu können. Doch es gibt auch Gegenbeispiele: Bei Rainer Kaufmanns Film “Ein fliehendes Pferd” nach der gleichnamigen Novelle hat Autor Martin Walser am Drehbuch mitgearbeitet. Das Ergebnis aus dem Jahr 2007 kann sich wirklich – im besten Sinne des Wortes – sehen lassen:

Schon bei der Auswahl der Schauspieler muss man Kaufmann ein sehr glückliches Händchen attestieren. Ulrich Tukur gibt den großkotzigen Lebemann Klaus Buch wie er im Buche steht, Petra Schmidt-Schaller spielt dessen Freundin Helene individualistisch, aber mit kräftigem Sexappeal, Ulrich Noethen schlüpft überzeugend in die Figur des frustrierten Gymnasiallehrers Helmut Halm und Katja Riemann brilliert als seine gelangweilte Ehefrau in allerdings gesicherten Verhältnissen. Wie diese vier Top-Schauspieler die Puppen tanzen lassen, ist ein Augen- und Ohrenschmaus, man merkt den Akteuren die Lust am Spielen in fast jeder Szene an.

Den Showdown um das Ertrinken von Buch auf einer gemeinsamen Bootstour mit Halm auf dem Bodensee haben Kaufmann und Walser gekonnt verändert und die Schlussszene, bei der die Halms hinaus auf den See schwimmen und auf einen vorbeischwimmenden Baumstamm treffen, ist in ihrer semantischen Offenheit schlicht genial.

Doch wie so oft, ist sich die Filmkritik uneins: Jan Schulze-Ojala spricht im Tagesspiegel von einer „hinreißenden Verfilmung“, der Film lasse die Vorlage souverän hinter sich und berste geradezu vor schlüssigen Einfällen. “Vor allem aber liebt er seine Figuren, während Walser für sie bestenfalls Mitleid empfindet.“ Sein enthusiatisches Fazit lautet “ein kohärentes Kunstwerk.“

Lob gibt es auch von Alexandra Seitz in der Berliner Zeitung. Sie konstatiert, dass die “kongeniale Verfilmung” den Vergleich mit der Vorlage nicht zu scheuen brauche. Mit seiner Literaturadaption entfache Rainer Kaufmann einen Sommersturm der Gefühle, der bei aller Komik auch große emotionale Tiefe zu bieten habe.

Weniger begeistert liest sich die schwäbische Zeitung: „‚Ein fliehendes Pferd‘ ist ein gediegener Film eines Handwerkers auf dem Regiestuhl. Richtig aufregend werden diese Kabalen und Liebeleien nie, die komödiantischen Elemente sind milde wie eine Abendbrise am See. Stets liegt ein Hauch Fernsehspiel über dieser Produktion – für die Größe einer Kinoleinwand erscheint sie etwas klein geraten. Vielleicht liegt eine gewisse Tristesse auch an den Rollen: Sie laden kaum zur Identifikation ein.“

Gar nicht gefallen hat der Film Hans-Ulrich Pönack, der stößt mächtig ins polemische Horn, aber vielleicht nur, weil er den Film einfach nicht verstanden hat: „Der deutsche Film gibt sich wieder mal angestrengt-locker. Der permanente Ärger. Über das Papier-Gequatsche der Beteiligten. Es ist ein komödiantisches Graus, der Film nervt nur, ist belanglos bzw. bietet nur Langeweile pur. Loriot, wo bist du?“

Da gilt dann wieder, wenn einer die Ostereier an der falschen Stelle sucht, findet er halt keine, möchte man dem erzürnten Pönack zurufen. Vielleicht kommt so einer beim Ohnesorg-Theater oder dem Komödienstadel eher auf seine Kosten.

Spaß beiseite: Was angesichts solch divergierender Meinungen hilft, ist, sich selbst ein Urteil zu bilden, indem man den Film anschaut.

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