Der Entwicklungsroman vom 18. bis 20. Jahrhundert

Mit Entwicklungsroman bezeichnet man Romane, in denen die geistig-seelische Entwicklung einer Hauptfigur in ihrer Auseinandersetzung mit sich selbst und mit seiner Umwelt dargestellt wird. Der Entwicklungsroman schildert den Reifeprozess des Protagonisten, der seine Erlebnisse und Erfahrungen reflektiert und in seine Persönlichkeit integriert. Nicht immer, aber oft sind es gerade auch die negativen Erfahrungen, aus denen eine langsam reifende Persönlichkeit lernt, weil sie die richtigen Schlüsse daraus zieht:

1766 lässt Wieland seinen Agathon vom idealistischen Schwärmer zu einem realistischen Menschen werden, dessen Kräfte sich zu einer harmonischen Einheit zusammengefunden haben. Den nächsten Meilenstein setzt Goethe mit seinem Wilhelm Meister Ende des 18. Jahrhunderts, der sich aus der engen Bürgerlichkeit seines Elternhauses löst und zunächst glaubt, in der Welt des Theaters zu sich selbst finden zu können, schließlich aber darüber hinauswächst und seine große Liebe, die adlige Natalie, findet.

Auch die Romantiker greifen gern auf das Genre zurück: In Eichendorffs Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts reüssiert letztlich der kühne Müllerssohn und Lebenskünstler, der mit seiner Geige nach Italien aufbricht und schließlich sein Glück mit Aurelie, einer Adligen, die sich dann als von einer Gräfin adoptierte Waise entpuppt.

Kellers Grüner Heinrich entsteht Mitte des 19. Jahrhunderts und zählt heute zu den Klassikern des Entwicklungsromans. Er erzählt die Geschichte eines Schweizers, der ebenfalls sein Land verlässt und nach Deutschland geht, und nach vielen Ups and Downs so etwas wie Lebensklugheit erwirbt.

Großer Beliebtheit erfreut das Genre in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Robert Musil legt bereits 1906 mit seinem Törleß vor, Hermann Hesse bedient es gleich mehrfach: Siddharta, Die Morgenlandfahrt und Das Glasperlenspiel. Und in den Fünfzigerjahren nimmt sich mit Thomas Mann ein weiterer Literaturnobelpreisträger mit dem Zauberberg dieses Formats an.

Ben Bova setzt sich in Gefangen in New York mit den Themen Umweltverschmutzung und Diskriminierung auseinander. Seine Hauptfigur Ron Morgan stammt aus Vermont, entwickelt sich in der Megametropole weiter und lernt, die öffentlich verbreiteten Versionen zu hinterfragen.

Patrick Süsskinds Das Parfüm erzählt die Geschichte eines Mörders, ist formal in Lehrjahre, Wanderjahre, Meisterjahre und Epilog eingeteilt und nimmt die Tradition des Entwicklungsromans 1985 als zeitgemäßer Bestseller wieder auf.

 

 

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