JGS-Lesetipp: “Manhattan Transfer” von John Dos Passos

Winterzeit ist Lesezeit: Der Roman “Manhattan Transfer”, einer der großen Klassiker des Großstadtromans, erzählt viele Geschichten aus Big Apple alias New York aus der Zeit vor, während und nach dem 1. Weltkrieg. Der Titel bezieht sich auf die berühmten Fährschiffe, die in New York unterwegs sind:

Der vielschichtige, faszinierende Roman erscheint 1925 und ist ohne stringende Handlungsstruktur konzipiert. Man erkennt jedoch eine Dreiteilung. Der erste und der letzte Teil umfassen jeweils 5 Kapitel, der zweite besteht aus 8 Kapiteln. Jedem Kapitel ist eine Art Einführung vorangestellt, die sich vom restlichen Text auch typographisch abhebt. Durch die Überschrift wird das Thema mit einem Wort bekanntgegeben, in der Einführung wird es vorgestellt, und auf der dritten Ebene, dem eigentlichen Kapitel, wird es dann jeweils variantenreich durchgespielt.

Volker Klotz verweist auf die Mehrdimensionalität, die das Thema Großstadt betrifft: “Manhattan Transfer spiegelt das Panorama der Stadt New York wider, weil die Figuren Armut, Reichtum, Vergnügen, Missgunst, Rechtsprechung, Architektur usf. verkörpern. Durch die losen Lebensläufe erlangt der Leser mehrere und divergente Einblicke in die Stadt.”

Figuren wie Leser werden zu einer Art Voyeure des Großstadtgeschehens: “Die Nähe zwischen Figur und Leser wird dadurch erzeugt, dass beide Voyeure sind: Sie beobachten ‘gemeinsam’ Brände, Massenaufläufe, Alkoholschmugglerkämpfe, Straßen, Zimmer, Plakate und Hotelhallen. Der Leser sieht das, was die Romanfigur wahrnimmt. Das Erleben der Stadt schließt auch das Verhältnis zwischen Romanfigur und Großstadt ein. Ständig führen die einzelnen Personen die Stadt im Munde, indem sie sie verfluchen oder sie für alle Geschehnisse verantwortlich machen, die ihnen widerfahren sind.”

Bei John Dos Passos entscheidet der Moloch der Metropole über Wohl und Wehe des Einzelnen: “Manhattan bestimmt das Leben jedes Einzelnen und sucht sich aus, wem es zu Glück oder Leid verhilft, wer auserwählt ist und wer nicht benötigt wird und wer aus dem großen Schlund der Großstadt ausgespien wird.”

Zur Figurenkonstellationen: Innerhalb eines jeden Kapitels werden Figuren eingeführt, die oft nur ein einziges Mal auftauchen und dann wieder aus dem Blickfeld des Lesers verschwinden. Andere Figuren kommen häufiger vor, aber immer bleibt es bei einer losen Ansammlung von Momenten und Fragmenten aus deren Leben, nie verdichtet sich das Ganze zu einer Art Biografie. Das hat System: “Die Figuren bieten sich dar, als seien sie aus einer unbestimmbar großen Masse für einen Moment herausgerissen, um dann wieder im Großstadtgewühl unterzugehen. Im Roman werden etwa 100 Figuren eingeführt.”

Zu dem Figurenarsenal, das häufiger auftritt, gehört Gus McNiel: Er ist ein einfacher Milchmann, “der durch einen Unfall zu einer hohen Summe Geld gelangt und so auf der sozialen Leiter einige Stufen emporklettern kann. Dieser plötzliche Aufstieg weckt seinen Ehrgeiz, und er wird ein durchtriebener Gewerkschaftsführer, der es versteht, politische Gegner gegeneinander auszuspielen.”

George Baldwin verkörpert den amerikanischen Erfolgsmythos vom Tellerwäscher zum Millionär. Er hat beruflich Erfolg, gleichzeitig aber findet ein innerer Verfallsprozess statt. Ihm fehlt die nötige Distanz, um sein Handeln reflektieren zu können.

Das wiederum kann Ellen Thatcher, sie ist sich ihres Handelns völlig bewusst und verachtet sich dafür. “Am Ende des Romans heiraten Ellen Thatcher und George Baldwin, wobei dem Leser schnell klar wird, dass diese Beziehung keine glückliche sein wird.”

Anderer Kritiker betonen, dass Dos Passos’ Schreibweise stark an den Film erinnere. “Die Innenperspektive der Figuren wird nicht mit Worten wie Verzweiflung oder Angst beschrieben, sondern diese Attribute müssen vom Leser selbst herausgefiltert werden. Dos Passos liefert dem Leser das Material, indem er Angst gestaltet. Die Konklusion muss vom Leser selbst gezogen werden.”

Auch Pressetexte spielen bei Dos Passos eine wichtige Rolle. Er setzte dafür ausschließlich authentisches Nachrichtenmaterial ein und schafft so eine Verknüpfung von tatsächlicher Realität und Romanrealität. Spannend!

Reizüberflutung, urbane Bedeutungslosigkeit, Massenanonymität und der Verlust von Beziehungsfähigkeit sind die Hauptthemen, die “Manhattan Transfer” aufgreift. Ein großer Roman, den man auch fast 100 Jahre später unbedingt lesen sollte!

Foto: King of Hearts

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